23 August

23 August

„Kennen wir unseren Leser wirklich?“Boris Hächler und Thomas Mydlach im Interview

Boris Hächler und Thomas Mydlach verstärken seit Juli als „Leiter redaktionelle Inhalte“ und „Leiter Redaktionsorganisation“ die Chefredaktion in Bamberg. Im Interview verraten die beiden, wie ihr Einstieg verlaufen ist und welche Änderungen sie in der MGO anstoßen wollen.

Wie kamt ihr zur Mediengruppe Oberfranken?

Boris: Wir wurden hierher eingeladen, unterhielten uns und es wurden Visionen skizziert. Diese fand ich sehr spannend und herausfordernd – sie stehen für eine große und wichtige Aufgabe.

Thomas: Als Hamburger höre ich diese Frage sehr häufig. Meine Antwort darauf lautet: „Das waren Puzzleteile.“ Letzten Endes haben ganz viele Faktoren eine Rolle gespielt. Am wichtigsten waren natürlich das Unternehmen und die Aufgaben. Und wenn ich mal ganz ehrlich bin, natürlich auch das Bier (lacht).

 

Als ihr dann bei uns in der Mediengruppe angefangen habt, wie war euer erster Eindruck?

Boris: Sehr offen, freundlich und herzlich. Das Ankommen wurde mir leicht gemacht. Es ist alles vielleicht etwas langsamer und beschaulicher als in meiner Vergangenheit – was nicht zwangsläufig ein Nachteil sein muss. Die gefühlten Eindrücke sind vielfältig: Da gibt es eine positive Erwartungshaltung für den künftigen Journalismus; Da gibt es aber auch noch Fragezeichen, gerade in Bezug auf den bald beginnenden Transformationsprozess. Aber ich spüre eine große Bereitschaft, alle Prozesse gemeinsam anzugehen.

Thomas: Ja, man spürt den Enthusiasmus auf ganz vielen Ebenen.

 

Ihr habt ja schon angedeutet, dass sich in der Redaktion und den lokalen Medien einiges verändern wird. Was ist eure Aufgabe dabei?

Thomas: Einen wichtigen Teil unserer Aufgaben stellt die anstehende Umstrukturierung dar. Ziel ist es, die Redaktion so aufzustellen, dass wir auch in der Zukunft in für unsere Kunden relevante Produkte produzieren können. Wir beide arbeiten da Hand in Hand, auch wenn wir unterschiedliche Rollen innehaben – Boris inhaltlich und ich organisatorisch.

 

Eine große, aber sicherlich auch spannende Aufgabe, vor der ihr da steht. Was seht ihr auf dem Weg dorthin als größte Herausforderung und was als Chance an?

Boris: Herausforderung und Chance zugleich ist für uns, unsere Kolleginnen und Kollegen auf dem Weg hinaus aus der liebgewonnenen Komfortzone mitzunehmen und dafür zu begeistern. Nicht, indem wir ihnen die Dinge vorschreiben, sondern indem wir sie gemeinsam mit ihnen erarbeiten und gemeinsam angehen.

Thomas: Unsere Chance ist auch, dass wir in der Region viele Menschen erreichen können. Das können wir nutzen, um neue Produkte zu launchen und erfolgreich zu managen. Doch dazu – und das ist unsere Herausforderung – müssen wir nutzerzentriert neue Produkte entwickeln und bestehende verbessern. Aus Redaktionen hört man häufiger noch den Satz „Ich kenne meine Leser“. Unsere Aufgabe ist, das zu hinterfragen und zu sagen: Kennen wir unseren Leser wirklich? Ist das überhaupt noch ein Leser? Wer sind unsere Konkurrenten? Worum konkurrieren wir eigentlich? Um Auflage, um Zeit? Das sind alles Fragen, die man sich ganz lange in der Medienbranche nicht stellen musste.

Boris: Ich glaube auch, dass wir Journalisten uns und unser Selbstverständnis, wie wir Journalismus machen, zu einem gewissen Grad neu definieren müssen. Wir dürfen zum Beispiel nicht davon ausgehen – und das ist journalistentypisch – zwangsläufig zu wissen, was der Leser, User oder Konsument will. Das firmiert alles unter einer Phrase, die aber sehr viel Wahrheit enthält: „Zuhören ist das neue Verkaufen“. Bei aller journalistischen Unabhängigkeit geht es in diesem Zusammenhang auch um Marketing und Markenführung. Das ist etwas, das noch nicht zu 100 Prozent in der DNA der meisten Medienhäuser verankert ist.

 

Welche Methodik wollt ihr nutzen, um die Leser bzw. Nutzer besser kennenzulernen?

Thomas: Die Methodik ist ein spannendes Thema. Das Schlagwort „agil“ ist ja in aller Munde. Auch wir werden agil arbeiten. Dabei kommt es immer auf das Umfeld an, in dem man sich bewegt – intern wie extern. Wir werden uns ansehen, wie unser Produktumfeld aussieht, in welchem Markt wir uns bewegen und welche Chancen wir dort haben, unsere Produkte zu verbessern oder neue Produkte einzuführen. Außerdem werden wir analysieren, wie wir in der MGO hierfür aufgestellt sind, wie wir intern zusammenarbeiten und wie wir den Wissensaustausch vorantreiben, sodass wir möglichst agil arbeiten können.

 

Wie sieht euer beruflicher Werdegang aus?

Thomas: Ich bin jetzt knapp 10 Jahre in der Verlagsbranche. „Das Laufen gelernt“ habe ich beruflich von 2000 bis 2009 bei Freenet. Dort habe ich als Multimedia Producer angefangen, war dann im Produktmanagement und zum Schluss Teamleiter im Portal. 2009 bin ich zum Axel Springer Verlag gewechselt, habe dort das Produktmanagement vom Hamburger Abendblatt und später von der Berliner Morgenpost aufgebaut und geleitet. Ab 2013 war ich drei Jahre bei Gruner + Jahr im Digitalbereich und habe dort das Produktmanagement im Digitalbereich verantwortet. Dann war ich noch ein Jahr selbstständig als freier Medienberater. Vor meinem Einstieg in der MGO war ich als Chief Product Officer beim Weserkurier.

Boris: Ich komme ursprünglich aus München. Bei der Abendzeitung habe ich meine ersten Schritte gemacht, war dort Nachrichtenchef und Leute-Kolumnist. Dann bin ich nach Hamburg zum Bauer Verlag gegangen. Dort habe ich in Chefredaktionen unterschiedliche Formate entwickelt. In Hamburg habe ich anschließend auch ein Video-Portal aufgebaut. Bei Burda war ich dann „Chefredakteur Entwicklung und Innovation“, habe in dieser Funktion verschiedene Formate entwickelt, interne Strukturen umorganisiert und redaktionsübergreifend Newsdesks etabliert. Nach fünf Jahren habe ich mich selbstständig gemacht, die Medizinplattform „Premium Kliniken“ mit hochgezogen, ein Medienbüro gegründet und als Consultant für Verlage, aber auch im Bereich Content Marketing gearbeitet – unter anderem für C3 und Red Bull Media House. Die vergangenen anderthalb Jahre war ich „Head of Content“ bei der internationalen Karriereplattform Experteer.

 

Interview: Sarah Ort und Valerie von Raven, Mitarbeiterinnen Unternehmenskommunikation

Foto: Sarah Ort

Von Valerie von Raven
Valerie von Raven

Valerie von Raven

Valerie von Raven studierte Kommunikationswissenschaft in Hohenheim, Tampere, Oslo und Bamberg. In der MGO schrieb sie ihre Masterarbeit und arbeitete als Werkstudentin in der Unternehmenskommunikation und bei Netzheimat. Seit Juni 2018 ist sie Mitarbeiterin in der Unternehmenskommunikation.

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