02 Februar

02 Februar

Zwischen Kaffee und „U“: Nachdenken über Bambergs ZukunftDenkwerkstatt "Bamberg 2050"

Was bei einem Kaffee beginnt und mit „am U“* endet, das kann so schlecht nicht sein. Zunächst zum Kaffee: Im April vergangenen Jahres kam Anna Scherbaum, Leiterin der Volkshochschule Bamberg-Stadt, auf einen Kaffee zu mir in die Bamberger Lokalredaktion. Und sie brachte einen Wunsch mit in die Augustenstraße: Ob wir, also VHS und FT, nicht gemeinsam eine Podiumsdiskussion auf die Beine stellen könnten zum Abschluss des VHS-Semesters mit dem Schwerpunkt „Stadt im Wandel“? Und zwar mit einem Blick in die Zukunft. Ich meinte: „Hmmm, eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema ist doch nicht so prickelnd – worüber sollen sich die Teilnehmer da überhaupt streiten? Es wäre doch viel spannender, ganz normale Bürger, also unsere Leser, einzuladen und mit ihnen gemeinsam Ideen für die Zukunft zu entwickeln.“ Während ich mich so reden hörte, wollte ich mir noch auf die Zunge beißen. Aber da war es schon zu spät: Ich war  in ihre Falle getappt.

Bis ich am Ende „a U“ genießen durfte, vergeht nun ein Dreivierteljahr – mit viel Vorbereitung, reichlich Arbeit und der steigenden Gewissheit: So verkehrt war es nicht, sich auf dieses Wagnis einzulassen. Zunächst brauchte das für uns völlig neue Format einen Namen. Aus der anfänglichen Zukunftswerkstatt wurde die Denkwerkstatt „Bamberg 2050“ – weil der lokale Bezug unsere Stärke ist und der Blick unbedingt über aktuelle Diskussionen hinausgehen sollte. Das grobe Konzept für das Programm stand schnell: fünf Stunden in der MGO, erst ein Impulsvortrag und dann Workshops zu den Themen Wohnen, Mobilität, Arbeit und Bildung/Kommunikation. Der Clou an der Veranstaltung sollte ein graphic recorder sein, der die erarbeiteten Ergebnisse in kleinen Bildern festhält.

Die Detailplanung der Workshops und die Umsetzung der Veranstaltung in unserem Haus wurden dann zu Musterbeispielen, wie schlagkräftig die Mediengruppe Oberfranken sein kann, wenn spartenübergreifend zusammengearbeitet wird. So wurde der Ablauf der Arbeitsgruppen mit Hilfe von Innovationsmanagerin Catharina Stamm und Design-Thinking-Experte Markus Potzel so definiert, dass schnell Ergebnisse vorliegen, die Arbeitsweise in unserem Haus vorstellbar wird und die in agilen Methoden unerfahrenen Gäste nicht überfordert werden. Drei Azubis, ein Kollege von Creo, zwei Redaktionspraktikanten und drei VHS-Mitarbeiter stellten sich dankenswerterweise für einen zweistündigen Testlauf zur Verfügung. Die Erkenntnisse waren so wertvoll und klar wie das Wasser, das es bei der Generalprobe zu trinken gab: Der Ablauf musste nochmal angepasst werden. Außerdem involviert: Der Vertrieb organisierte Anmeldung und Bewirtung der Leser, die Redaktion sorgte mit mehreren Interviews im Vorfeld für Aufmerksamkeit.

Am letzten Samstag im Januar wurde es ernst. Von 13 bis 18 Uhr kamen knapp 30 Leser, um angeleitet von Experten in der Denkwerkstatt geistig zu werkeln und an der Zukunft Bambergs zu basteln – mit Post-its, Timelines, Reizwörtern und noch mehr Post-its. Nach einer Premiere gibt es immer Dinge, die man beim zweiten Mal anders machen würde – zum Beispiel den sehr intensiven Impulsvortrags von Dr. Manfred Riederle, Vizechef beim Bayerischen Städtetag, etwas kürzer halten oder mehr Rücksicht nehmen auf die Ungeduld einiger Leser, ihre Meinungen und Ideen kundtun zu dürfen. Doch unter dem Strich überwiegt so viel Positives – von den tollen Bildern der graphic recorderin Ulrike Mahr (sehr zu empfehlen!) über die locker-flockige Moderation von Martin Wilbers bis hin zu den spannenden und vielseitigen Ideen für Bamberg, die unter Anleitung von Martin Wilbers, Catharina Stamm, Redakteur Stefan Fößel und mir zusammen mit Experten erarbeitet wurden. Ja, das war schon ein Erfolg dieser Nachmittag. Und deshalb hat mir das „U“ zum Ausklang der Denkmalwerkstatt auch besonders gemundet – plaudernd mit den Moderationskollegen, zufrieden mit dem Erreichten.

Hier müsste der Text nun enden – aber ich habe geschwindelt: Mit dem „U“ ist die Denkwerkstatt nicht vorüber – wieder so eine Falle von Anna Scherbaum. Es geht weiter. Schon fest ausgemacht ist, die Graphic-Recordings von Ulrike Mahr – immerhin sechs Plakate, die am 29. Januar schon im Fränkischen Tag Bamberg komplett abgebildet waren – im Bamberger Rathaus auszustellen und weitere Ideen der Bürger einzufordern. Außerdem sollen sich Politiker zu den am 27. Januar erarbeiteten Vorschlägen äußern und darüber diskutieren. Und: ein oder zwei Wiederholungen des Formats sind angedacht – dann aber mit Schülern und Studenten. Tja, ich muss wohl künftig besser aufpassen, mit wem ich mich zum Kaffeetrinken treffe. Und was ich dabei sage.

Wer nähere Informationen zur Denkwerkstatt oder die Dokumentation zu der Veranstaltung möchte, schreibt an: m.memmel@infranken.de

*Hinweis für alle Nicht-Bamberger: Mit einem „U“ wird in Bamberg ein ungespundetes Bier bezeichnet.

Über den Autor:

Michael Memmel ist Leitender Redakteur im Lokalen des Fränkischen Tags, einer Tageszeitung der Mediengruppe Oberfranken.

Fotos: Barbara Herbst