29 Mai

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29 Mai

Journalismus auf allen KanälenWarum Tobias Stich ausgerechnet Online-Journalist wurde

Ein Beitrag von Tobias Stich

Es ist ein paar Wochen her, da hat mich ein junger Mann gefragt, warum ich ausgerechnet Online-Journalist geworden bin, was das überhaupt sei. Der Neugierige war ein Schüler, der während der redaktionellen Schnuppertage die MGO besucht hat. Eigentlich hätte ich ihm die Antwort wie aus der Pistole geschossen geben können, ganz klar. Die Antwort ist einstudiert, sie ist seit Jahren gültig.

Man wird Journalist, weil man die Menschen informieren möchte. Weil man Geschichten erzählen möchte. Weil man den Lesern helfen möchte, Wichtiges vom Unwichtigen zu unterscheiden. Man recherchiert, spürt auf, ordnet ein, schreibt, erklärt. Man hat immer mit neuen Themen und neuen Menschen zu tun. Allein deswegen wird der Beruf nie langweilig. Und „Online“? Das steht für Aktualität, Schnelligkeit, Mut, modernes Arbeiten. Als „Onliner“ ist man breit aufgestellt, man kann nicht nur schreiben. Man kann fotografieren, filmen, veredeln, programmieren, beherrscht „Social Media“, Storytelling-Tools und Daten-Journalismus. Überhaupt ist man die eierlegende Wollmilchsau.

Nun. Anstatt diesem jungen Menschen all das zu sagen, kam ich kurz ins Stocken. Die Standardantwort ist zu eindimensional, die Gründe Journalist zu werden – sie sind überholt. Es ist mittlerweile über zwölf Jahre her, dass ich meinen ersten Beitrag in einer Lokalzeitung veröffentlicht habe. Einspalter, 60 Zeilen, ein Bild in schwarzweiß. Früh übt sich. Damals gab es noch kein Facebook, keine Smartphones, nicht jeder hatte einen Internetzugang. In der Zeitung stand – mit Verzögerung von bis zu drei Tagen – was der Journalist als aktuell und wichtig erachtet hat.

Für den Schüler, der vor mir steht und sogar während des Gesprächs auf seinen Facebook-Stream schielt, einfach unbegreiflich. Als „Digital Native“ ist das Leben anders. Man greift morgens als erstes zum Handy und bringt sich auf den Stand der Dinge. Nicht über die Zeitung, wie ich damals, sondern über soziale Netzwerke, YouTube und WhatsApp. Zeitung? Was ist das?

Als ich Ende 2004 anfing zu studieren, konnte noch niemand diese Entwicklung vorhersehen, bestenfalls prophezeien. Doch ich hatte damals diese leise Ahnung, dass sich Journalismus bald von der Idee der Tageszeitung lösen wird – zwangsläufig. Ich habe also Online-Journalismus studiert. Nicht, weil das Internet wichtiger ist als die Tageszeitung. Nicht, weil das Internet die Zukunft war. Das Netz war seinerzeit das, was „Mobile“ heute ist – der schnellste Weg, die Menschen mit Inhalten zu erreichen. Und darum wird es immer gehen: die Inhalte.

In der Online-Redaktion der MGO ist diese Sichtweise längst verankert. Das Team kümmert sich täglich um die News auf inFranken.de, Facebook, Twitter, Instagram und unsere eigene Foto-App inFrankenPix. Als eines der ersten regionalen Medienunternehmen in Deutschland haben wir WhatsApp als Newskanal etabliert. Das inFranken.de-Team hat sich von der Idee der Tageszeitung gelöst und begreift den Beruf des Journalisten als Kreativ-Spielplatz für relevante Inhalte.

Relevanz? Das kann ein Katzenvideo sein oder eine Unfallmeldung – oder beides. Journalismus heute ist, dem Leser zu jeder Zeit die Information bieten zu können, die er will. Der Leser möchte, dass die für ihn relevanten Nachrichten, egal ob tragisch oder unterhaltend, lebenswichtig oder trivial, ihn genau dann dort erreichen, wann und wo er sie braucht. Er sucht sich seine Nachrichten selbst aus, nicht wir.

Papier? Ein Bildschirm? Völlig egal. Wer sich heute für Journalismus entscheidet, dem muss eines klar sein: Man arbeitet nicht für ein Trägermedium. Man arbeitet nur für den Leser. Egal ob offline oder online.